Pressemitteilung von: Dr. med. Regina Breul

Ergänzung zum offenen Brief an die Bundeskanzlerin: Kritische Fragen zu Hirntod und Organspende

Bei der Diskussion um die Novellierung des Transplantationsgesetzes bleibt ein heikler Punkt unerwähnt: die Konditionierung der potentiellen Organspender vor der offiziellen Hirntoddiagnose, d.h. zu einem Zeitpunkt, an dem sie auch rechtlich gesehen noch als Lebende gelten. Darf beim bloßen Verdacht auf Hirntod schon auf Schmerzmittel verzichtet werden ? Hat der potentielle Organspender nicht mehr das Recht auf eine Behandlung, die seinem eigenen Wohl dient? Ist es medizinisch und juristisch zu verantworten, dass es zu diesem Zeitpunkt vorwiegend um die Logistik der geplanten Organentnahme geht?
Der fachliche Hintergrund: Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie Muskelrelaxantien müssen im Körper des potentiellen Spenders abgebaut sein. Erst dann kann eine Hirntoddiagnostik durchgeführt werden, da diese Medikamente die Ergebnisse der Hirntoddiagnostik verfälschen. Der Patient kann nicht für tot erklärt werden, eine Organentnahme ist so rechtlich nicht möglich. Für die behandelnden Ärzte eine Gewissensfrage. Sie geraten in eine Zwickmühle. Denn einerseits müssen Schmerz- und Beruhigungsmittel vor der offiziellen Hirntoddiagnostik abgebaut sein, anderseits scheuen sich verantwortungsvolle Ärzte, bei „bloßem Verdacht auf Hirntod“ aus fremdnützigen Motiven die Schmerzmitteltherapie einzustellen. Das aber ist unumgänglich, wenn eine Hirntoddiagnostik mit anschließender Organentnahme geplant ist. Einige Kliniken lösen diesen Konflikt sehr pragmatisch zugunsten der Organspende: So empfehlen die Anästhesisten PD Dr. Marco Gruß und Prof. Markus A. Weigand von der Universitätsklinik Gießen in den Handreichungen für das Klinikpersonal, Zitat: „Bereits ab dem Zeitpunkt des Verdachts auf Hirntod sollte man auf jegliche sedierende(n) Medikamente, Opiate und Muskelrelaxanzien verzichten. Zur Durchführung der Hirntoddiagnostik müssen Medikamentenwirkungen (nach den Richtlinien der Bundesärztekammer)sicher ausgeschlossen sein.“ (Intensivmedizin up 2 date 6/2010, S. 115).

Ein „Verdacht auf Hirntod“ reicht also aus. Wie viel Zeit wird dem potentiellen Spender für eine nur auf sein persönliches Wohl ausgerichtete adäquate Behandlung gewährt? Welche Wartezeiten müssen eingehalten werden, bis der Verdacht auf Hirntod zu Lasten des Patienten therapeutische Konsequenzen haben darf? Wie wird der Verdacht auf Hirntod verifiziert? Welche Kompetenz in der Einschätzung des Hirntodes muss ein Arzt haben, um bei einem bloßen „Verdacht“ für den Patienten derart schwerwiegende Entscheidungen zu treffen? Was zählt mehr? Die Fürsorge für einen komatösen Patienten im Todeskampf oder eine reibungslose, zeitnahe Organentnahme zugunsten des Organempfängers? Eine Gratwanderung und eine rechtliche Grauzone, über die im Vorfeld der Gesetzgebung diskutiert werden muss. Wie brisant der gesamte Komplex rund um Hirntoddiagnostik und Organentnahme ist, zeigt eine Studie aus Niedersachsen, die in Fachkreisen für Aufsehen sorgte: Eine seriöse Hirntoddiagnostik setzt viel Erfahrung und ein umfangreiches Fachwissen voraus. Dieses Fachwissen aber scheint nicht in jeder Klinik vorhanden zu sein. Das zumindest beklagte der Präsident der leitenden Krankenhausärzte 2006 im Dt. Ärzteblatt. Er kritisierte die drastische Reduzierung fester, mobiler Spezialistenteams für die Hirntoddiagnostik aus Kostengründen. Stattdessen würden von der Dt. Stiftung Organtransplantation (DSO) von Fall zu Fall niedergelassene Neurologen „im Lassoprinzip“ hinzugezogen,denen es nicht selten an genügend Erfahrung bei der Hirntoddiagnostik mangele. Die Dt. Stiftung Organtransplantation bestritt derartige Vorwürfe vehement. Dabei kam der erfahrene Hirntod-Experte Prof. Hermann Deutschmann zu ähnlich alarmierenden Einschätzungen. Der Neurologe untersuchte im Auftrag der DSO,wie treffsicher die Hirntoddiagnostik in den Kliniken der Region sei. Das Ergebnis ist brisant und sollte vor allem den politisch Verantwortlichen in Berlin zu denken geben, Zitat: „Nicht selten werde zudem der Hirntod von Ärzten in kleineren Krankenhäusern fälschlicherweise vermutet oder nicht exakt nach den Regeln der Bundesärztekammer festgestellt. Das Team der Dt. Stiftung Organtransplantation aus Niedersachsen etwa habe bei knapp 50 Untersuchungen in 21Fällen den Hirntod nicht sichern können.“ (Dt. Ärzteblatt 2006 ; 103(19): Thimo Blöß: Organspende-Stiftung in der Kritik) Das heißt, über ein Drittel der Hirntod-Diagnosen waren falsch. Und die potentiellen Organspender haben wahrscheinlich Stunden vor und nach der fehlerhaften Hirntoddiagnostik keine schmerzstillenden Medikamente mehr bekommen.

Es wäre ein Gebot der Fairness, spendewillige Bürger oder ihre Angehörigen über die medizinischen Notwendigkeiten und ethischen Fallstricke bei der Organspende zu informieren. Nur so ist für jeden Einzelnen eine Güterabwägung und damit eine tragfähige Entscheidung für oder gegen Organspende möglich. Ansonsten wird das Unwissen gutwilliger Menschen ausgenutzt. Diskutiert werden muss auch, in welcher Diskrepanz oft Patientenverfügungen und die Bereitschaft zur Organspende stehen. Viele Bürger wünschen sich bei infauster Prognose einen schrittweisen Therapieabbruch, verbunden mit einem sanften, schmerzfreien Tod, begleitet von den Angehörigen. Das aber ist bei einer Organentnahme nicht möglich. Organspende bedingt für den Spender medikamentöse und apparative Maximaltherapie, das heißt den Einsatz aller Möglichkeiten der High-Tech-Medizin, bis die Entnahmeoperation abgeschlossen ist. Das kann Stunden, aber auch Tage dauern. All das muss der spendenwillige Bürger wissen. Der Gesetzgeber ist aufgefordert, im geplanten Transplantationsgesetz endlich klarere und transparentere Regeln zu schaffen. Die Gesellschaft hat ein Anrecht auf seriöse, lückenlose Aufklärung, bei der die heiklen Punkte nicht wie bisher ausgeklammert werden.

Ergänzende Literatur: Dt. Ärzteblatt 2011; 108(40)
Schöne-Seifert, Bettina: Präfinale Spenderkonditionierung: ethische Fragen

Diese Pressemitteilung wurde auf openPR veröffentlicht.

Dr. med. Regina Breul
Carl-Orff-Bogen 111
80939 München

Wir sind eine Gruppe von kritischen Bürgern, darunter Ärzte, Juristen, Theologen und Journalisten, die sich mit medizin-ethischen Fragen befasst, z.B. mit Hirntod und Organspende.

Tabellarischer Lebenslauf von Dr. med. Regina Breul

Jahrgang 1945, verheiratet
Medizinstudium an der Universität Köln
Ärztliche Prüfung 1971
Wissenschaftliche Assistentin am Anatomischen Institut Köln von 1971 bis 1973
Approbation als Arzt 1974
Assistenzärztin auf der chirurgischen Abteilung des St. Elisabethkrankenhauses in Köln von 1974 bis 1979
Promotion in Medizin an der Universität Köln 1975
Medizinalrätin bei der Bundeswehr von 1978 bis 1982
Seit 2009 Dozentin für medizinische Fächer an der Vollzeitschule des COE